| Ein Herzog und Poet dazu |
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Richard Friedenthal
In diese unruhige Familie und diese recht wild-romantische Landschaft hinein wurde nun Heinrich Julius 1564 geboren, und viele Züge der Vorfahren lebten in ihm fort. Mit seinem Vater Herzog Julius, einem sehr bürgerlich besonnenen Haushalter, war eine kurze Pause der Ruhe eingetreten; der Sohn erhielt eine ungewöhnlich sorgfältige, fast gelehrte Erziehung. Man schickte ihn nicht auf Turniere oder Waffengänge, sondern zu Disputationen, und schon der Zwölfjährige hielt, zum Rektor der neugegründeten Universität Helmstedt ernannt, eine formgerechte lateinische Rede. Statt des Streitkolbens wurden ihm die römischen Pandekten in die Hand gedrückt, und das war eine weit furchtbarere Waffe. Jurist war er später mit Passion, und seinen Stolz bildete eine Sammlung seiner juristisch-politischen Abhandlungen gegen die „Rebellen“, worunter er so ziemlich alle Stände, auch den unbotmäßigen Adel, verstand. Er hat aber außerdem die damals modernsten Schauspiele für seine Wolfenbütteler Hofbühne verfasst, englische Berufskomödianten beschäftigt und sich von ihnen beraten lassen; davon wird noch zu sprechen sein. Mit dem Vater stand der ehrgeizige junge Prinz bald auf schlechtem Fuß; mit seiner Stadt Braunschweig, als er zur Regierung kam, erst recht. Es blieb nicht bei Disputen, sondern man zog zu Felde, ohne rechtes Ergebnis. In den Mauern der Stadt Braunschweig wurde obendrein zwischen den Parteien der Patrizier und Plebejer noch wild und wüst gekämpft; der Volkstribun Henning Brabant wurde dabei gefangen genommen und ausgiebig gefoltert, wobei seine Gegner sich ein opulentes Festmahl auftragen ließen und gewissermaßen aus der Loge zuschauten, bis sie ihn hinrichten ließen. Auch diese Schauspiele sind als Hintergrund nicht zu vergessen. Aus den Wirren des Landes flüchtete Heinrich Julius nach Prag an den Kaiserhof Rudolfs II., und damit bekam sein Leben noch einmal einen großen Zug. Er hat sich da als Diplomat von Stil und Umsicht bewährt, zunächst in eigener Sache, dann als Schlichter zwischen den beiden feindlichen Brüdern Rudolf und Matthias; Grillparzer hat ihn in seinem „Bruderzwist im Hause Habsburg“ als weisen Ratgeber gefeiert. Er rückte, obwohl Protestant, zum Direktor des Geheimen Rates, etwa einer Art Reichskanzlerstellung, auf, und es ist schwer zu sagen, wie sich seine weitere Laufbahn, und damit vielleicht die deutsche Geschichte, gestaltet hätte, wäre der noch nicht Fünfzigjährige nicht 1613 nach einem schweren Gelage am Schlagfluß gestorben. Das Herzogtum blieb schwer verschuldet zurück, und bei der Beisetzung in Wolfenbüttel hielt der Prediger eine recht kühle Leichenrede: der Herzog habe sich seinen Untertanen doch recht lange entzogen, „und hier haben wir ihn nun!“ Aber aus dem Nachlass sind außer vielen Schulden für glänzende Schaustellungen, Gelage und Festlichkeiten nun wenigstens die dreizehn Stücke des Herzogs verblieben und die Erinnerung an eine erste, kurze Zeit echten Theaters in Deutschland. Gespielt worden ist freilich auch vorher, von Schülern oder Handwerkern, und wir haben den gar nicht zu unterschätzenden Hans Sachs und seine 85 Fastnachtspiele. Aber hier in Wolfenbüttel hat es etwas ganz Neues sind für die spätere Folge ungemein Bedeutsames in der Theatergeschichte gegeben: Berufskomödianten und eine feste Bühne, nach dem Muster der englischen Shakespeare Bühne. Wie der Herzog dazu kam, sich aus England Komödianten zu verschreiben, ist unklar. Heinrich Julius war mit einer dänischen Prinzessin verheiratet und dadurch Schwager des englischen Königs James 1., der die Schwester der Dänin zur Ehe hatte. In Kopenhagen spielten englische Komödianten bei der Hochzeit, aber die kamen schon aus Wolfenbüttel. Wir wissen den Namen eines Thomas Sackville, der den Clown spielte und sich dann als Kaufmann sehr umsichtig betätigte; er wurde so reich, dass man Spottverse auf ihn machen konnte. Der Clown ist wichtig: er war auch in London die Stütze des Ensembles. Ihn verstand man in Deutschland ohne viele Worte, durch Gesten, Grinsen, das Spiel mit der Pritsche zwischen den Beinen. Er hatte aber auch akrobatische Kunststücke zum Besten zu geben; Musik kam hinzu. Die Schaustellung war eine Art „musical“, und dies auch dann, wenn eine „Tragedia“ vorgeführt wurde. All das übernahm Heinrich Julius. Der Narr fehlt fast niemals. und oft spielt er die Hauptrolle. Wir dürfen ebenso wenig wie bei Shakespeare nur nach den überlieferten Texten urteilen. Es wurde kräftig improvisiert, und das war die Stärke der professionellen Akteure, während man bis dahin nur das Aufsagen eines ziemlich mühsam eingelernten Textes durch Dilettanten gekannt hatte. Die Stücke sind in Prosa geschrieben, und auch das ist ein Zeichen, dass Berufsschauspieler agierten; die Verse. die sich so viel leichter behalten lassen, waren für die Gymnasiasten oder Handwerker bestimmt. Die Anweisungen für das Spiel sind sehr genau, und Heinrich Julius notiert immer wieder ein „er schweigt stille“, oder „er geht umher, und rauft sich sein Haar“, um anzudeuten, dass der Text nicht hintereinander deklamiert werden soll. sondern mit gewichtigen Pausen für die Gestik. Das erscheint heute überflüssig; es war sehr neu damals. Die Stoffe sind oft — wie auch zuvor üblich — Schwanksammlungen entnommen: der geprellte Ehemann ist das Lieblingsthema, in vielfachen Abwandlungen. Mit ausgesprochenem Vergnügen wird die Liebesnot des jungen Liebhabers geschildert und das dringende Liebesbedürfnis einer jungen Frau mit altem Ehemann. Aber die Strafe für Hurerei und Ehebruch muss folgen, denn Heinrich Julius spricht nicht nur als Autor, sondern auch als Landesfürst. Wenn die irdische Gerechtigkeit nicht ausreicht, muss der Teufel kommen und die Schuldigen holen. Heinrich Julius glaubte so entschieden wie Luther an den Bösen. Seine Braunschweiger freilich glaubten wiederum, dass ihr Fürst seinen persönlichen „spiritus familiaris“ habe, denn ging er nicht mit verdächtigen Alchimisten um, und beschäftigte er sich nicht mit Geheimkuren und ähnlichem Teufelszeug? Hexenwahn lag in der Luft; der Blocksberg auf dem Brocken war nahe .Auch Heinrich Julius war, so modern er sonst sein mochte, davon erfasst und ließ unbarmherzig verbrennen; ein ganzer Wald von schwarzen Pfählen stand vor seiner Residenz am Lechelner Holze. In seinem biblischen Drama von der Susanna gibt es darüber ein Gespräch zwischen dem Clown und dem Vater der Susanna, der den Narren belehrt, man dürfe Gottes Namen nicht missbrauchen durch Fluchen oder Zaubern. „Was sagt ihr da, nicht zaubern?“ fragt der Narr. „Nein erwidert der Vater, „man soll nicht zaubern, denn Gott wills nicht haben, hat auch befohlen, man soll keine Zauberer leben lassen, sondern mit Feuer verbrennen. Der Narr: „Dat is nit gut, dat will gar tho warm syn, et muste ein Mensche verdampen…“ Man sieht: der Narr vertritt den gesunden Menschenverstand, an den sich der Landesfürst dann leider in der Praxis nicht hielt. Dialektszenen sind bei Heinrich Julius beliebt, da wird er ganz unfürstlich lebendig und volkstümlich im Stil, während wir seine juristischen Ausführungen im Kurialdeutsch nur mit Kummer überblättern können. Das Suchen nach Vorbildern hat bei ihm nicht allzu viel Sinn: er zeigt sich gerade darin als Amateur. dass er sich auf sein eigenes Ingenium verlässt, während der große Bühnenmeister — Shakespeare ist das erhabene Beispiel dafür — übernimmt und nimmt, was er nur an brauchbaren Dingen von Vorgängern in die Hand bekommt. Und so ist auch das Stück des Heinrich Julius. das den englischen Dramen, etwa dem „Titus Andronicus am nächsten steht, der „Ungeratene Sohn“ durchaus eigenes Gewächs. Es ist eine Moritat, eine Schauergeschichte: der Sohn. Prinz Nero, bringt seinen Vater, den alten Herzog, um, er schlachtet sein eigenes Söhnlein, um sich an dessen Herz Mut zu weiteren Untaten anzufressen. Die Tat wurde so realistisch dargestellt wie auf dem Londoner Theater, das ebenfalls triefendes Blut aus Schweinsblasen liebte. Die Mutter wird gemordet, der Bruder und seine Frau, die Bahn ist frei zum Thron. Beim Festessen erscheinen aus den Schüsseln drei abgehauene Köpfe. später tritt noch der Geist des Söhnleins auf. Die Teufel holen den Mörder. Das alles ist roh, auch ungeschickt, aber sehr nahe den Moritaten der Shakespeare-Zeit, und man hat in der listigen Art, wie der alte Herzog umgebracht wird, durch Einschlagen eines Pfriems ins Ohr, einen Hinweis auf den „Ur-Hamlet“ und die Ermordung von Hamlets Vater sehen wollen. Seinen höchsten Flug nahm Heinrich Julius in der kurzen Zeit, da er sich — zu Anfang seiner Regierung dem - Theater widmete, mit seinem Stück vom „Vincentius Ladislaus“. Das ist der Bramarbas, der Prahler, der Kämpfer zu Ross und Fuß“, Erzähler von Lügengeschichten, die sich noch im unsterblichen ‚Münchhausen“ wieder finden, dessen Verfasser vielleicht das Stück gelesen hat. Heinrich Julius vollführt die geistreiche Wendung, dass der Narr nun in die Person des Haupthelden verwandelt wird, der freilich kein Held ist, sondern ein armseliger Aufschneider. Zum Schluss wird er jammervoll geprellt und sieht sich, statt mit der erhofften Braut ins Ehebett zu steigen, in eine Bütte mit Wasser gestürzt. Ladislaus besteht darauf, dass seine Diener ihn jedes Mal anzureden haben „Edler, Ehrenfester, Mannhafter, in Kriegsläuften und anderen löblichen freien Künsten wohlerfahrener, weitberühmter Kämpfer zu Roß und Fuß“, was nicht weitab ist vom Schriftstil der Zeit. Er spricht von sich selbst als „dieser Mann da“, wobei er mit weit ausholender Geste auf seine Brust weist. Er vollführt mit Grandezza die große spanische Reverenz, er streicht sich den riesigen Knebelbart ausführlich vor dem Spiegel zurecht, er marschiert in tiefen Gedanken hin und her und „tut alle Tritte mit großem Bedacht und nach der Tabulatur“. Er ist ein entfernter Verwandter und kleinerer Vetter des Don Quijote. Doch die Zeit des Ritters war vorbei. Heinrich Julius war kein Träumer, und er ließ das bunte Bühnenspiel bald hinter sich. Er war ein scharfer Rechner und spührte mit seiner scharf vorspringenden Nase, die in einem merkwürdig jung-alten Gesicht saß, dass eine neue Zeit anbrach. Er ist ein sehr markanter Vertreter des Übergangs zum neuen Stil, den wir jetzt Barock nennen. Er hat nicht nur gedichtet, sondern auch gezeichnet und architektonische Pläne entworfen. Das schöne Gebäude der Universität Helmstedt, unter seinem Einfluss entstanden, zeugt noch davon. Er mag auch so große Pläne gehabt haben, die weit über sein kleines Land hinausgingen; er hat sie nur in Ansätzen verwirklichen können. Aber seine Stücke und seine Bühne sind denkwürdig, auch wenn sie keine unmittelbare Nachfolge hatten. Er hat in Deutschland als erster versucht, eine ständige Bühne zu schaffen, in den gleichen Jahren, da drüben über dem Kanal die Kyd, Marlowe und Shakespeare am Werke waren. Dort war es Welttheater, obwohl das damals niemand wusste. Das seine war Provinz, eine Episode. Aber aus der Provinz, aus den kleinen Städten ist in Deutschland dann, in sehr langsamem Reifeprozess, das erwachsen, was wir unter Kulturgut verstehen. Das Braunschweiger Theater kann sich mit Stolz an diesen Urvater erinnern und an seine Mimen. ob sie nun Thomas Sackville hießen oder gute niedersächsische Namen trugen, die wir nicht kennen. |