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Operettenrausch mit Hirsch und Kater Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Braunschweiger Zeitung   
Montag, den 29. November 2010 um 10:52 Uhr

Operettenrausch mit Hirsch und Kater

Publikum feiert Premiere von Johann Strauß’ "Fledermaus" im Staatstheater Braunschweig

Von Andreas Berger

Thomas Blondelle als Herr von Eisenstein mit Susanna Pütters als seine Gattin Rosalinde.    Foto: Bernd Karwasz

Ach, wäre doch immer zweiter Akt. Da sind in den einschlägigen Operetten die umständlichen Intrigen geschürt, die Kostüme getauscht, die häuslichen Fassadenwelten überwunden, so dass man sich ganz dem Rausch einer Ballnacht hingeben kann. Und schon arrangiert der Notar die Verwechslungskomödie wie ein Regisseur, markiert das Stubenmädchen eine Schauspielerin, die frustrierte Gattin eine Gräfin und der gelangweilte Prinz einen russischen Kosaken im Ivan-Rebroff-Stil. Die kleinbürgerliche Gästeschar wird zur mondänen Partymeute. Willkommen bei der "Fledermaus".


Willkommen bei Thomas Enzingers dritter Wiener Operette am Staatstheater Braunschweig, wiederum in der glamourös-phantastischen Ausstattung von Toto, die raffiniert zwischen Schick und Absurditäten schwankt. Dass sich die Hausbar in einem goldenen Hirsch versteckt, wird wegen der Geweihform jeder in unserer Likörregion verstehen.

Die Tannen im Garten von Eisensteins mondäner Wohnloft werden im zweiten Akt zu Weihnachtsbäumen, geschmückt mit Geldnoten. So bringt man das Fest der Liebe auf seinen heute rein kommerziellen Kern. Na und selbst das Gefängnis im dritten Akt ist, scheint’s, nicht wirklich eins, denn die Flügel öffnen sich wieder zum Ballsaal und entlarven so, dass die ganze Braunschweiger Operette bloß eine gute Inszenierung war.

Und das ist sie auch. Denn Enzinger führt sein Personal wiederum höchst ideenreich, rasant und pointiert. Immer wieder ein Traum, wie elegant sich Susanna Pütters zu bewegen versteht, wie sie mit feinem Mienenspiel eher unterspielt und so eine damenhafte Nonchalance verströmt. Stimmlich ist sie als Rosalinde am Premierenabend als erkältet entschuldigt, was bei einigen scharfen Höhen auch spürbar wird.

Thomas Blondelle als ihr Gatte Eisenstein lässt seinen geschmeidig-weichen Tenor strahlen, gibt spielerisch Dampf, zuweilen schon zu comedyhaft überdreht. Köstlich Simone Lichtenstein als Stubenmädchen Adele, eine durchsetzungswillige Aufsteigerin, die sich mit klar perlendem Koloratursopran kokett nach oben schaukelt. Und die Schauspielerin Stephanie Harrer gibt die handfeste Schwester Ida mit schön direktem Ton unter schriller Aufmachung. Zwei klasse Spaß-Hasen.

Als Notar Falke wirkt Malte Roesner vor allem elegant. Julia Rutigliano besticht als Prinz Orlofsky durch ihren in allen Stimmlagen glänzenden Mezzo. Tobias Haaks muss den stotternden Advokaten Blind mimen, nach seinem Freischütz hätte er zumindest alternierend den Alfred verdient. Diesen Geliebten Rosalindes singt Arthur Shen mit großem Krafteinsatz und hüpft derweil in Unterhosen von Versteck zu Versteck. Und Frank Matthias slapstickt den Gefängnisdirektor.

Brillant hat Enzinger auch ohne Ballett die Tanzeinlage gelöst: Chor und Solisten formieren sich zur Mitternachtsquadrille wie beim Hofopernball. Aber zum weinseligen "Duridu"-Gesang lässt er auch mal Ruhe und Rührung zu, bis alles im Champagnertaumel zusammenbricht.

Tja, und dann kommt wie immer der Kater des dritten Akts. Trotz eines ungewöhnlich bissigen Gefängnisaufsehers Frosch des perfekt braunschweigernden Georg Renz, der sich sogar am oberbürgermeisterlichen Volksentscheid und dem Affentheater der schwarzgelben Atomregierung vergreift. Aber die langen Betrunkenheitspantomimen und -kalauer ziehen sich hin. Hier hätte Straffung gutgetan.

An dem sehr spritzig aufspielenden Staatsorchester soll es nicht liegen: Forsch und beschwingt trieb Georg Menskes seine Musiker an, musste Chor und Solisten auch mal einfangen, sorgte mit lustvollen Verzögerungen und Beschleunigung für Lebendigkeit. Kräftiger Applaus für ein gelungenes Operettenvergnügen.

Wieder am 1., 5., 10., 18., 28., 31. Dezember. Karten: (0531) 1 23 45 67.

Montag, 29.11.2010
 

Kommentare  

 
+1 #1 john 2010-12-19 01:32
warum dieses billiges Politkabarett zu beginn des zweiten Aktes???? Muss der Tenor wirklich in Unterhosen herumlaufen??? Herr Strauss hätte so eine Inszenierung nicht überleben können... Etwas mehr Respekt vor der Klassik und Klassiker wäre bestimmt nicht verkehrt. Die generelle Entwicklung Richtung Modernisierung könnte man bewerkstelligen , ohne sich bei den Großen der Vergangenheit bedienen zu müssen, oder reicht das Talent schon nicht mehr?... Schade fürs Geld...
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