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Schwere Kunstanstrengung an der Bar Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Braunschweiger Zeitung   
Samstag, den 13. Oktober 2007 um 02:00 Uhr

Schwere Kunstanstrengung an der Bar


Schwere Kunstanstrengung an der Bar

Engel

Das Stück "Engel" von Anja Hilling hatte Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig

Von Martin Jasper

Morgens, 6.30 Uhr, Dialog am Frühstückstisch. Sohn: "Worum ging es denn in dem Stück, das du gestern gesehen hast?" Vater (seufzt): "Oh, du, gute Frage, das kann ich dir gar nicht so genau beantworten, ehrlich gesagt." Sohn: Aber wie kannst du über ein Stück schreiben, wenn du nicht mal weißt, worum es da geht?!" Vater: "Ich versuch’s halt." Also: In Anja Hillings "Engel" geht es um… ja, zunächst einfach eine Bar, in der einsame Leute hocken. Mittendrin Asta, die Barfrau, womöglich die Titelheldin.

Plötzlich steht die tote

Mutti auf der Matte

Spröde Gesprächsfetzen, zersplitterte Erinnerungen. Ein Gast behauptet, in Polen gesehen zu haben, wie ein anderer Gast eine Frau ermordet hat. Er tätowiert Asta diese Frau auf den Rücken. Die aber lebt und ist auch in der Bar und sagt, sie sei nur verlassen worden in Polen.

Ein Gast sucht im Internet nach einer Frau. Er lebt mit seiner Tochter zusammen. Da taucht eine fremde Frau auf, die behauptet – und später auch beweist –, dass sie seine Frau und ihre Mutter ist, obwohl sie vor drei Jahren gestorben ist.

Ein Mann trifft eine Frau nach 19 Jahren wieder. Sie gehen aufs Zimmer, trinken Sekt.

Worum also geht es?

Um Erinnerung natürlich. Um die Fragwürdigkeit des Erinnerns und die Schwierigkeit, mit bestimmten Erinnerungen weiterzuleben. Und es geht, glaube ich, vor allem um Schuld: Die Schuld, eine Frau verlassen zu haben, die Schuld eine vermeintlich ermordete Frau einfach liegen gelassen zu haben, die Schuld, die eigene Familie verlassen zu haben. Die Schuld ist unter die Haut tätowiert, Leben und Tod sind da vielleicht eher emotionale Aggregatzustände.

Vielleicht. Die 32-jährige Berliner Autorin Anja Hilling bietet arg viel Verrätselung und Künstlichkeit auf, arg viele Brocken Bruchstückhaftes und abstruse Konstrukte. Es ist eine jener schweren Kunstanstrengungen, in denen sich das junge deutsche Theater so gefällt.

In der Braunschweiger Inszenierung von Dietrich Sagert wird die Bar zu einem Steg im Wasser. Das schafft eine Atmosphäre der versumpften Verkommenheit, der styx-haften Jenseitigkeit. Trostlos platschen die Figuren darin herum, legen sich auch schonmal ins Wasser. Die Zeit vertropft langsam, es fehlen Spannungsmomente, Ballungen, das Ensemble agiert stückgerecht spröde und schwerblütig. Bevor sich etwas entwickelt zwischen den Personen, ist es schon vorbei.

Ein Engel mit Angel

und Video-Kamera

Nientje Schwabe spielt die Asta eher als Moderatorin mit Mikrophon, aber mit einer schönen Sanftheit und heiteren Milde, die manchmal wirklich so etwas wie eine Ahnung von Erlösung für die Kneipentypen aufscheinen lässt.

Da hätte es des gelangweilten Angelns zwischendurch nicht bedurft und auch nicht der Überdeutlichkeit, mit der Nientje Schwabe als eine Art Angela ex Machina mit Video-Kamera vom Himmel schwebt.

Es geht hier gar nicht um Engel, glaube ich. Auch nicht um Heilung der seelischen Verletzungen, wie das am Schluss angefügte Bibelzitat suggeriert. Sondern höchsten um die ganz und gar hoffnungslose Sehnsucht danach. Vielleicht.

Freundlicher Applaus.

Am Sonntag, 14. Oktober, um 18 Uhr veranstaltet das Staatstheater gemeinsam mit dem LOT-Theater ein Autoren-Porträt über Anja Hilling.

Nächste Aufführungen: 19., 30. Oktober. Karten: 1234567. Leser-Kritik nach der zweiten Aufführung.
Samstag, 13.10.2007
 

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